Elternschule – Ein Kommentar.

Vor dem Film im Vorraum des Kinos: Ein älteres Ehepaar setzt sich an unseren Tisch und will offensichtlich ins Gespräch kommen. Der Mann liest in seiner Zeitung, die Frau will folgendes loswerden: „Wissen Sie, wir schauen uns den Film an, um uns bestätigt zu sehen. Ich verstehe die heutige Erziehung nicht.“ Auf Nachfragen unsererseits beschreibt sie eine beobachtete Szene. „Also in der vollen U-Bahn sah ich letztens eine vollgepackte Mutter mit ihrem Jungen und wer saß natürlich? Der Sechsjährige! Da läuft doch was schief.“ Unseren Einwänden wird mit der Frage begegnet: „Sie haben keine Kinder, oder?“ Ein richtiger Dialog ist nicht möglich. Sie verabschieden sich mit den Worten: „Vielleicht sammeln sie ja ein paar Erkenntnisse.“

Ich habe lange überlegt, wie er ausschauen könnte, mein Kommentar zu dem Film, zu dieser Klinik und den gezeigten Methoden. Zu diesem Bild von Kindheit und Elternschaft. Zu diesem Menschenbild. Die Gedanken und Gefühle überschwemmten mich nur so in diesem Kino in Berlin Kreuzberg. Gesagt wurde bereits viel, geschrieben ebenfalls, der Aufschrei ist da und er ist (zurecht) laut! Skizziert wurden die Methoden der Gelsenkirchener Klinik, renommierte Ärzte und Pädagogen haben sich geäußert, es läuft eine Petition gegen die Ausstrahlung des Films.

Doch, wie können wir nun damit umgehen, mit all diesen Beschreibungen, den Bildern und auch all dem Gegenwind, den die Bindungs- und Beziehungsorientierte Elternschaft nicht nur durch den Film, sondern auch durch viele öffentlichen Medien erfährt?

Zuerst einmal glaube ich an unsere Blase. Wir sind laut und wir sind stark. Wir haben großartige Experten, die den Versuch starten in den Dialog zu gehen, die zeigen, dass wir keine Bande von Hippies sind, sondern, dass sich diese Vorstellung von Elternschaft, von Beziehung leben auf die neuesten Erkenntnisse aus Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung stützt.
Wir sollten uns nicht entmutigen lassen.

Meine Notizen aber, gekritzelt im Halbdunkel des Kinos lesen sich wie das Skript eines Films aus längst vergangenen Zeiten, wie die Dokumentation einer Geschichte der Kindheit, die wir, so dachte ich, eigentlich schon längst überholt haben.

Ein Bild in dieser Klinik zeigt wie Kinder als kleine Teufel in die Mäuseburg, der, wenn man so will, „Kita“ der Klinik hineingetrieben werden und diese auf der anderen Seite als Engelchen wieder verlassen. Das Bild steht wohl sinnbildlich für die Grundthesen der Klinik: Kinder als solche werden schlecht geboren. Die Gesellschaft muss sie zum Guten formen. Das Kind weiß nichts. Die Erwachsenen wissen alles. Das Kind muss folgen. Autoritäten müssen anerkannt werden. Autoritäten schützen. Dieses Bild der Kindheit wird in jeder einzelnen Szene deutlich. Schwarze Pädagogik, hatten wir schon mal.

Der Ausgangspunkt ist dabei der: Die heutige Erziehung scheitert. Eltern sind verwirrt, fehlgeleitet. Es braucht eine (!) Schule für Eltern, die zeigt wie Erziehung geht und wie aus Kindern Menschen werden. Das die Klinik eigentlich auf „Akutfälle“, so auch der Leiter der Klinik, ausgerichtet ist, wird allein durch den Titel des Filmes ad absurdum geführt. „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss“ schreiben Medien.

Das Motto der Klinik steht auf einer Leinwand im Besprechungsraum: Nicht quatschen, machen! Eine Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kindern, überhaupt ein Miteinander, ein Ankündigen von Dingen („Ich untersuche dich jetzt“, „Wir essen jetzt gemeinsam.“) sucht man vergebens. Es wird über die Kinder, nicht mit ihnen gesprochen. Da wird an kleinen Ärmchen gezogen, es gibt Schubser in den Rücken und Kinder, die alleingelassen mit ihren Gefühlen irgendwann völlig erschöpft auf dem Boden liegen. Und die aufsichtspflichthabende Pädagogin spielt mit Bauklötzen. Machtausübung und Folgsamkeit sind die Grundpfeiler dieser Erziehung.

Und was ist das Ziel? Folgsame, angepasste, normierte Menschen zu formen, auch das wird deutlich. Irgendwie schlich sich mir der Gedanke ein, dass dieses gesamte Konstrukt in unsere heutige Zeit passt: Die politische Stimmung hier und in anderen europäischen Ländern ist angsteinflößend. Mancherorts wird von Rechtsruck gesprochen. Und dann steht da diese Klinik und propagiert eine Erziehung, ein Wertesystem und Methoden, die Obrigkeitshörigkeit und Folgsamkeit produzieren sollen.

Das Kind als Tyrann mit einem Werkzeugkoffer, welchen es öffnet um die Eltern auseinander zu nehmen. Die Werkzeuge sind Aufmerksamkeit, Machtkampf und die demonstrative Hilflosigkeit. All das seien Strategien des verzogenen Kindes. Maschen. Trotz nicht als Autonomiebestreben, sondern als negatives zu unterdrückendes Verhalten.

Da wird normales kindliches Verhalten pathologisiert und Verhalten therapiert ohne nach den Ursachen zu forschen. Und wenn eine Ursache so deutlich ist, dass sie dem Zuschauer direkt entgegen springen möchte, wird von Fachpersonal (!) Weinen als „Weichkochen“ und ein das Essen verweigerndes Kleinkind als „Kontroletti“ bezeichnet. Überhaupt wird viel gelacht im Film, an Stellen an denen ich brechen möchte. Nicht nur das Publikum lacht, auch der Ton unter den Therapeuten, Pädagogen, Erziehern und den Eltern ist betont lässig. Haha, da kotzt ein Kind. Haha, mein Kind schreit am lautesten.

Neben all der Grausamkeit liegt einer der grundlegenden Fehler des Films und der Arbeitsweise in der Klinik darin das Individuelle nicht zu sehen. Die Methoden aus dem Katalog werden pauschal auf jedes Kind angewandt. Nicht nur das, auch Erfahrungen (Fehlgeburten, Schreibabys, eigene Essstörung, Fluchterfahrung) der jeweiligen Familien, die im Aufnahmegespräch erwähnt werden, finden danach keine Beachtung mehr. Behandelt wird das vermeintlich fehlerhafte Verhalten der Kinder. Die sind das Problem. Das Familie ein System ist, bleibt unerwähnt. Im Gegenteil: Ein Vater, der sich kritisch gegen die Methoden stellt „muss weg“, er behindere den Erfolg.

Belastungen empfindet jede Familie anders, was nicht hilft ist zu sagen: Das ist normales kindliches Verhalten, dazu benötigt es keine Therapie! Wenn eine Familie Hilfe sucht und diesen schweren Schritt einer Klinikaufnahme geht, soll sie alle Hilfe bekommen die möglich ist. Aber diese Hilfe kann auch darin bestehen Eltern für die kindlichen Signale zu sensibilisieren, ihnen andere Wege aufzuzeigen, die sie gemeinsam mit ihrem Kind finden können und ihnen, die vielleicht selber nie positive Bindungserfahrungen machen dürften, Bindung und Nähe als grundlegendes Element einer gelingenden Eltern-Kind-Beziehung nahe zu bringen.

Im Gegensatz dazu werden die Eltern von ihren Kindern getrennt. Ihnen wird ihr Gefühl abtrainiert. Ein Becher voller klingelnder Löffel soll die Schwestern auf den Plan rufen, sollte eine Mutter in der Nacht zu ihrem Kind gehen. Nähe wird unterbunden: Eine Mutter soll vom Personal am Hand in Hand gehen mit ihrer Tochter gehindert werden, denn „Es gibt keinen Grund Hand in Hand zu gehen!“. Kuscheln wird kontrolliert in einer Art Snozzleraum zugelassen. Kinder werden von fremden Schwestern und Pädagoginnen unter Fixierung gefüttert, zur Schlafenszeit ins Bett gelegt (und kontrolliert schreien gelassen), davon wird der Mutter dann in einer Art Protokollsitzung berichtet (O-Ton: Ja ein bisschen geweint hat ihr Kind (4 Monate alt!) und geschrien. Ach nein, Moment, nicht geschrien. Aber nach 3 Tagen war Ruhe. – Erfolg!) und eine Fünfjährige wird von einem Therapeuten bei einem „Spaziergang“ an der Hand um einen See geschliffen (Bewegung, so wichtig).

Wozu all das?

Und: lernt ein Kind eigentlich irgendwas aus dieser Zeit in Gelsenkirchen? Wir wissen, dass das Gehirn unter Stress schlechter bis gar nicht lernt. Wir wissen, dass Essen und Schlafen Grundbedürfnisse des Menschen sind, die Ruhe, Vertrauen und eine geborgene Umgebung benötigen. Wie sollen diese teilweise traumatisierten Kinder durch dieses Verhaltenstraining irgendwas lernen?
Sie lernen zu funktionieren, sie resignieren, sie schalten sich irgendwann ab. Sie überleben. Wie sich aus Zwangsfütterung und einer isolierten Essensituation ein gesundes Essverhalten entwickeln soll, wird nicht erklärt. Der Erfolg, dass die Kinder dann irgendwann essen reicht aus. Genauso, dass die Kinder irgendwann schlafen. So sieht dann Hilfe für Familien aus! Bravo!

Ohne Frage: Es geht nicht nur um diesen Film oder um diese Klinik. Es geht um die Menschen, die diese Methoden legitimieren, es geht um die weißen Kittel, die diese professionalisierte Gewalt ausüben, es geht um das Klatschen und Lachen im Publikum, um die Großeltern, die da kommen, um sich und ihre eigene Härte zu rechtfertigen.

Es geht um ein Menschenbild.

Nun: Wollen wir sie, diese folgsamen, angepassten, normierten kleinen Menschen? Ist es das, was wir als Gesellschaft brauchen? Menschen, die vor Unsicherheit und Angst vor dem Verlassen werden weder wissen wer sie sind, noch was sie wollen und so den Kopf ausschalten oder nie einschalten und ihr Fähnchen nach dem Wind richten?

Puh, Nein!

Lasst uns dagegen stellen! Mit unseren Werten, mit unseren Vorstellungen und Überzeugungen, mit unserem Verständnis von Kindheit. Mit all unserem Wissen über Bindung, mit Zugewandtheit und Vertrauen, mit Wertschätzung und Respekt, mit Offenheit und Vielfalt, mit einem positiven Menschenbild, mit der Erkenntnis nie alles wissen zu können, mit der Idee, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte mitbringt und Pauschallösungen eine Illusion sind und mit der Grundannahme, dass jeder Mensch sein Bestes tut.
Alles Genormte, alles Starre, alles Enge, jedes „du musst so sein“, „man macht das so“ und alles, was weh tut oder jemand anderen in seiner Würde verletzt kann nicht richtig sein.

Lasst unsere grundlegenden Werte diese sein:

Kinder sind Menschen! Menschen haben ein Recht auf Gewaltfreiheit!

Wir brauchen Kinder, die sichere Bindungen erfahren haben. Wir brauchen Kinder, die wissen, dass ihre Worte Gewicht haben, deren Worte gehört werden. Wir brauchen Kinder, die sich selbst als gut erfahren. Wir brauchen Eltern, die feinfühlig ihre eigenen Bedürfnisse und die ihrer Kinder im Blick haben. Eltern, die wissen, das Scheitern okay ist. Eltern, die neue Wege suchen. Eltern, die mutig sind und ihre Verantwortung nicht abgeben und sich Hilfe suchen, wenn sie sie benötigen. Wir brauchen Fachpersonal, das für die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft einsteht. Fachpersonal, das Menschen, egal wie klein mit Offenheit und Respekt begegnet. Fachpersonal, das seine eigenen Grenzen kennt. Und das Eltern tatsächlich die verschiedenen mal hellen, mal dunklen, mal geraden, mal krummen, bunten Wege durch diesen Irrgarten der Elternschaft aufzeigt.

6 Gedanken zu “Elternschule – Ein Kommentar.

  1. Franziska schreibt:

    Oh man…. Wahnsinn. Ich finde das alles völlig unvorstellbar…. Und nun kommt es schon an die Oberfläche, ins Öffentliche, aber statt eines Aufschreiens aus der breiten Masse wird noch applaudiert… Ich finde das wirklich schlimm und besorgniserregend. Danke für deinen Kommentar dazu! Hoffentlich lesen ihn ganz viele!

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  2. Cornelia schreibt:

    Herzlichen Dank für die klaren und liebevollen Worte. Mir krampft sich der Magen und es formt sich ein dicker Kloß im Hals, wenn ich an die Menschen denke, die dieses Handeln und dieses Kinder- und Menschenbild weiter prägen und so handeln. Dann auch noch glauben, dass sie ihren Kind etwas gutes tun.

    Danke für das Bild, dass ich weiter nicht alleine stehe mit einem anderen Verständnis von Liebe, miteinander, mensch-sein und Elternschaft.

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