Wie Massage eine Brücke bauen kann

Wenn unsere Kinder größer werden, werden Berührungen meist seltener. Umarmungen sind flüchtig, Küsse werden schnell verteilt, um dann fix zum nächsten Abenteuer aufzubrechen. Es gibt lauter letzte Male, die erst bemerkt werden, wenn sie lange zurückliegen. Aus unseren Babys werden Kleinkinder, Vorschulkinder, Schulkinder, Teenager. Sie werden so schnell groß – der wohl meist gesagte Satz im Zusammenhang mit Kindern.

Kommt dann auch noch ein Geschwisterkind dazu schwindet die Zeit für Nähe und Berührung weiter. Es wird weniger getragen, (irgendwann) nicht mehr gestillt, nicht mehr nahe beieinander geschlafen. Die Bedürfnisse und Wünsche verändern sich: Waren wir noch im Kleinkindalter die liebsten Spielpartner werden wir zunehmend häufiger durch Gleichaltrige ersetzt. Zusätzlich sind wir ständig mit dem kleineren Kind in Berührung, wir tragen es, halten es auf dem Arm, stillen, wickeln, schlafen neben ihnen. Dabei geht manchmal die Verbindung zum größeren Kind verloren, gerade dann, wenn dieses eine schwere Phase durchlebt.

Unser Mädchen befindet sich momentan mitten in einer solchen Phase: der Wackelzahnpubertät. Es half mir tatsächlich sehr einen Namen für diese Zeit voll mit Gefühlen, mit körperlichen Veränderungen und mit enormen kognitiven Sprüngen zu haben.

Wir alle brauchen einen langen Atem und starke Nerven. Sie lebt gerade zwischen den Extremen: Abgrenzung und Nähe. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Dazwischen geht nix. Ist dazu sehr sensibel und äußert jede emotionale Höhe und Tiefe unmittelbar und laut. Immer wieder spürte ich in den letzten Wochen, wie mir der Zugang zu meinem Mädchen verloren ging. Wie sie mir entglitt, ich oft dachte wo ist mein Kind hin? Ich rätselte über ihre Gefühlsausbrüche, war erschrocken von ihrer Lautstärke, ihrer enormen Schusseligkeit und, ich gebe es zu, massiv genervt von ihrer Zappelei und ihrem inneren und äußeren Chaos. Ich verlor den Kontakt zu meinem Kind. Der Minimann durchlebt derweil diese entspannte Phase im 2. Lebensjahr, in der er einfach nur süß ist, er beginnt Zwei und Dreiwortsätze zu sprechen und wickelt mit seinem unschlagbaren Kleinkindcharme jeden um den Finger. Klar, auch er benötigt Begleitung bei Wutanfällen, aber diese sind im Vergleich zu denen des Mädchens ein laues Lüftchen. Sicher ist das auch eine Charakterfrage, meine beiden Kinder haben völlig unterschiedliche Temperamente. Das Ergebnis war dennoch: Ich verlernte es mein großes Kind zu sehen und das Zusammensein mit ihr zu genießen. Das tat weh. Ihr und mir.

Wie schön wäre es manchmal, wenn Kinder klar sagen würden: Hey, ich weiß selber gerade nicht, was mit mir los ist. Jeden Tag wache ich auf und fühle mich plötzlich anders als gestern. Mein Gehirn explodiert, meine Gedanken werden so komplex, dass es manchmal weh tut, meine Arme und Beine sind plötzlich sooooo lang. Ständig stoße ich mich irgendwo oder falle, weil ich damit erstmal zurechtkommen muss. Ich bin schon ziemlich groß, aber manchmal möchte ich echt wieder klein sein. Das ist so anstrengend, man!

Denn ja: Am anstrengendsten ist diese Zeit wohl für unser Kind. Und so überlegte ich wie ich eine Brücke bauen könnte. Eine Brücke auf der wir uns treffen können. Zurück zu ihr, zurück zu mir.

Durch die jahrelange Beschäftigung mit der Babymassage und in der Auseinandersetzung mit der Arbeit von Frédérick Leboyer, Vimala Schneider und vielen anderen weiß ich um die Besonderheit von Berührungen: Massagen entspannen und stimulieren gleichermaßen, das Liebeshormon Oxytocin wird ausgeschüttet, dieses baut Stress ab und Bindung auf, positive Berührungen schaffen Nähe und Vertrauen. Immer wieder beobachte ich wie Babys und Eltern gleichsam die Massage gut tut. Wie Verbindung geschaffen wird. Das Mädchen kennt Massagen schon seit ihrer Geburt, in der letzten Zeit sind diese aber etwas in Vergessenheit geraten. Und so haben wir nun die Massage wieder als ein schönes Abendritual eingeführt.

Die Massage für größere Kinder ist immer ein Angebot: Das bedeutet, dass die Kinder natürlich gefragt werden, wie und wo sie berührt werden wollen (und wo nicht). Es können auch erstmal nur die Füße, der Nacken oder Kopf massiert werden. Oder das Kind mag Berührungen mit verschiedenen Materialien: Federn, verschieden harten Bürsten, einem Igelball oder Ähnlichem. Aber auch eine entspannende und ausstreichende Ganzkörpermassage kann dem unruhigen Körper und Geist am Abend etwas Ruhe geben. In einer Zeit, in der sich die kleinkindlichen Züge verlieren und der Körper sich streckt, das Körpergefühl sich quasi täglich ändert, können Massagen den Kindern helfen sich selbst zu spüren und die eigenen Körpergrenzen wahrzunehmen.

Anleitung für eine entspannende Abendmassage

Diese Massage ist mit ihren ausstreichenden und gleichmäßigen Bewegungen gut für den Abend geeignet. Sie beginnt beim Kopf und endet auf dem Rücken. Die Bewegungen sind eher kräftig als streichelnd. Die gerade nicht massierten Körperteile können mit einer kuschligen Decke zugedeckt werden.

Der Kopf

Kreisende Bewegungen mit den Fingerspitzen auf dem Kopf

Offenes Buch auf der Stirn: Mit beiden Händen die Stirn ausstreichen

Kreise ums Kiefergelenk: Mit drei Fingern kleine Kreise auf beiden Kiefergelenken malen

Um die Ohren zum Kinn – herzförmig: Kreis um die Ohren des Kindes zeichnen, herzförmig hin zum Kinn

Der Oberkörper

Offenes Buch auf der Brust: Beide Hände auf die Brust legen und die Brust wie ein neues Buch ausstreichen, Alternativ kann man sich auch vorstellen ein Herz auf die Brust des Kindes zu malen. (Lockert und wirkt anregend)

Indisches Streichen der Arme: dabei werden die Arme mit der ganzen Hand von der Schulter ausgehend hin zu den Händen ausgestrichen

Kleine kreisende Bewegungen auf den Händen

Wasserrad auf dem Bauch: Abwechselnd mit beiden Händen von den Rippen ausgehend zum Schoß deine Kindes hin ausstreichen

Die Beine und Füße

Indisches Streichen der Beine: Im C-Griff mit der einen Hand von der Hüfte ausgehend und mit sanftem Druck zu den Füßen hin streichen. Ist die eine Hand an den Füßen angekommen, greift die andere Hand nach. (Erwärmt das Bein und super bei Wachstumsschmerzen)

Fußsohle entlangfahren: Von der Ferse ausgehend streichen wir mit den Daumen über die Fußsohle.(Aktiviert Reflexpunkte)

Zehen ausstreichen: Die Zehen mit zwei Fingern ausstreichen und leicht kreisen

Drücken über die ganze Fußsohle: Mit der Fingerbeere der Daumen rückwärts und vorwärts über die Fußsohle wandern

Fußoberseite zum Knöchel: Vom Knöchel ausgehend die Fußoberseite zu den Zehen hin ausstreichen

Kreise ums Fußgelenk: Eine kleine Perlenkette um das Fußgelenk zeichnen. (Lockert das Gelenk)

Der Rücken

Vor und Zurück auf dem Rücken: Beide Hände parallel auf den Rücken legen und mit den ganzen Händen vor und zurück streichen

Kleine Kreise links und rechts der Wirbelsäule

Kämmen: Vom Nacken ausgehend mit aufgefächerten Fingern den Rücken zum Po hin kämmen, mit der Zeit immer sanfter werden, bis es nur noch eine ganz leichte Berührung ist. Alternativ bei kitzligen Kindern: Die Bewegung bei gleichbleibendem Druck langsamer werden lassen.

Wichtig ist hierbei sich bewusst Zeit zu nehmen und Ruhe zuzulassen. Das Mädchen wünscht sich meist ein Hörbuch, zündet selbst eine Kerze an und sucht sich ein Massageöl mit einem bestimmten Duft aus. Manche Kinder genießen aber sicher auch einfach nur die Nähe und die gemeinsame Zeit oder kommen plötzlich ins Erzählen und lassen Dinge los, die schon lange raus wollten.

Das Mädchen jedenfalls hüpfte vor Freude als ich ihr von meiner Idee erzählte und wir machten einen richtigen Mädchenabend daraus: mit Gesichtsmaske, mit Kerzenschein und viel gemeinsamer Zeit auf unserer Brücke.

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