Vom Innehalten in der Bewegungsentwicklung

In meinen Kursen ist es eines der Themen: die motorische Entwicklung der Kinder. Sie wirft erstmal viele Fragen bei den Eltern auf – wann kann mein Kind was? Wie kann ich mein Kind unterstützen? Muss ich das überhaupt? Mein Kind kann dies und jenes noch nicht – ist das bedenklich? Die Bewegungsentwicklung erfüllt Eltern mit Freude, sie sehen den Stolz und die Begeisterung ihres Kindes, wenn das etwas zu weit entfernte Spielobjekt mit dem ersten Robben erreicht wird. Sie hören und begleiten aber auch den Frust, wenn ihre Kinder bestimmte Dinge noch nicht können und Hilfe benötigen. Und sie trocknen die ersten Tränen und kühlen Beulen bei ersten Stürzen.

Und manchmal haben Kinder scheinbar eine bestimmte Bewegung schon gelernt und machen sie dann wochenlang nicht. Oder sie wollen immer höher und schneller und weiter und kommen schwer zur Ruhe.

Unsere Kinder kommen schon mit bestimmten Eigenschaften zu uns: sie sind vielleicht eher abwartend und beobachten lieber lange, um es dann selber zu probieren. Vielleicht sind sie etwas vorsichtiger, benötigen mehr Zeit und Raum, um in die Bewegung zu kommen. Andere Kinder scheinen es nicht erwarten zu können und wollen direkt loslaufen. Kommen innerhalb weniger Tage aus der Bauchlage, in den Sitz, fallen immer wieder um und wollen trotzdem immer weiter voran. Müssten wir Erwachsene all die Entwicklungsschritte unserer Kinder durchlaufen, wir würden vermutlich nach dem zweiten oder dritten Sturz resignieren und sagen: hey, das ist mir zu heavy, ich lass das mal lieber. Es ist ein innerer Motor, der Drang zum Entdecken, die Freude an der Bewegung, das Spiel mit dem eigenen Körper, das sie antreibt.

Genauso wichtig, wie das vorankommen, ist aber auch das Innehalten für die Bewegungsentwicklung. Es sorgt dafür, dass unsere Kinder Bewegungen in ihrer vollen Tiefe erforschen und ausprobieren, dass sie Sicherheit und Vertrauen in ihren Körper bekommen. Bewegungen geschehen meist zufällig, werden erst durch die Wiederholung intuitiv und verankern sich im Gehirn. Nehmen wir bestimmte Schritte vorweg, in dem wir beispielsweise beim Laufen lernen die Kinder an den Händen führen, nehmen wir Ihnen etwas, was sie jetzt in dem Moment brauchen: Zeit zum Innehalten.

Um unseren Kindern diese Zeit zu geben, können wir verschiedene Dinge anbieten: Die Spielumgebung immer mal wieder anzupassen ist eine Möglichkeit den Kindern etwas Ruhe zu geben. Sie sollte so gestaltet sein, dass das Kind genug Raum hat sich zu bewegen. Dabei kommt es nicht nur auf das Zeug an, was darin zum Spielen angeboten wird, sondern auch auf die Unterlagen: Kinder brauchen nicht zwingend bunte Puzzlematten und dicke Krabbeldecken. Manchmal behindern diese auch die Spiel- und Bewegungsexperimente der Kinder. Auf einer dickeren Matte hören sich Spielzeuge zum Beispiel ganz anders an, als auf einem Holzfußboden. Und auch das vorankommen gestaltet sich etwas anders. Für ein Krabbelkind ist es ein ganzes Stück Arbeit, aber auch eine Erfahrung auf rutschigem Dielenboden voran zu kommen. Die Unterschiedlichkeit kann allerdings auch eine Erfahrung sein. Also warum, das sich rollende Baby nicht auch mal auf den blanken Boden legen? So kann es erforschen, dass ein Holzring ganz unterschiedliche Geräusche machen kann. Es erfährt, dass es seinen Kopf etwas einrollen muss, wenn es sich auf einem härteren Boden vom Bauch auf den Rücken dreht.

Das Innehalten kann auch ermöglicht werden, indem man das Spielmaterial überdenkt: Babys (und Kinder) spielen am liebsten mit Alltagsgegenständen. Sie sehen tagtäglich wie wir in der Küche den Kochlöffel schwingen, wie wir die Waschmaschine ausräumen, wie wir in kleine Schalen und Behälter Dinge füllen und wieder herausholen. Viele Dinge aus unseren Schränken können auch unsere Kinder gut zum Spielen gebrauchen. Einfaches Spielzeug, welches auf ganz unterschiedliche Art und Weise genutzt werden kann ist oft eine gute Idee. Für meine Gruppen und Kurse kaufe ich beispielsweise viele Dinge im Bastelladen oder auch beim Möbelschweden. Auch Reduzierung des Spielmaterials ist eine Möglichkeit das Innehalten zu unterstützen und zum Beispiel auch mal nur verschieden große Körbe und Schalen aus verschiedenen Materialien und wenige Dinge zum Aus- und Einräumen anzubieten.

Wenn ein Kind sehr in die Bewegung gekommen ist, hilft es manchmal es etwas mehr am Boden zu halten indem man ihm Material zum Erforschen und zum Entdecken der Feinmotrik anbietet. So kann es sich auch mal auf die kleinen Dinge konzentrieren und wortwörtlich auf dem Boden bleiben. Das Spiel in der Bauchlage und auch in der Rückenlage bleibt über die gesamte Kindheit ein wichtiger Bestandteil im Kinderleben.

Es ist auch eine gute Idee den Spielbogen zu überdenken, sobald sich die Kinder hochziehen und ihn auch vorher eher dosiert anzubieten. Er kann eine gute Möglichkeit sein, wenn Eltern etwas erledigen müssen, allerdings sorgt der Spielbogen durch seine etwas einseitigen Spielmöglichkeiten auch schnell für Frust: die Kinder greifen meist nach oben und haben sie endlich das Objekt der Begierde erreicht, bekommen sie es nicht in den Mund, da es festgebunden ist. Das Spiel in der Seitenlage ist zwar bei vielen Bögen möglich, aber meist stoßen die Kinder dann an den Seiten an und kommen nicht weiter. Ziehen sich die Kinder dann erstmal hoch wird der Spielbogen gern als Möglichkeit zum Vorankommen genutzt und birgt dann eine Unfallgefahr.

Unruhigen und Kindern, die gerade viel Frust aushalten müssen, weil bestimmte Dinge noch nicht so klappen wie sie es gern möchten, können auch Berührungsspiele und Massagen in dieser schweren Zeit nochmal besonders helfen. Bürsten mit verschiedenen Borsten, Federn, Strohhalme zum Luft durchpusten, kleine Fühlsäckchen, weiche oder auch härtere Stoffe, Lockenwickler – all das läd die Kinder zum Fühlen, bei sich sein und entdecken ein. Und die Eltern zum Spielen und Beobachten: was mag mein Kind, wie fühlt sich das an?

Die Bewegungsentwicklung erfordert viel von den Kindern, die meisten Kinder schlafen dann wieder schlechter und verarbeiten die Bewegungen in der Nacht. Das Gummiband zwischen Eltern und Kind wird je fester gespannt desto mehr sich die Kinder durch Rollen, Robben, Krabbeln und Laufen von ihren Eltern entfernen. Wir Eltern können uns als Begleiter anbieten und feinfühlig und voller Freude beobachten, weniger vergleichen und mehr vertrauen.

2 Gedanken zu “Vom Innehalten in der Bewegungsentwicklung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s