Mein Pippi-Langstrumpf-Kind.

Letzte Woche stieß ich auf einen Satz, der mich zum Nachdenken brachte: 

„Alle lieben Pippi Langstrumpf – aber niemand will sie zur Tochter haben.“ 

Bums. Das saß. Gelesen hatte ich diesen Satz im neuen Buch von Susanne Mierau „Ich!will!aber!nicht!“ Und natürlich wollte sie in diesem Kapitel auf etwas anderes hinaus, dennoch hatte dieser Satz etwas in mir ausgelöst. 

Mein Mädchen ist ein Pippi-Langstrumpf-Kind: Die Nase immer dem Wind entgegen gestreckt. Prinzipiell mitten drin im Geschehen. Wild. Laut. Präsent. Sie ballt stets die Fäuste und zeigt ihren Willen mit ganzer Kraft. Müsste ich sie pantomimisch darstellen, würde ich mich in Superman (Woman) pose hinstellen. Sie ist DA. Mit jeder Faser ihres Körpers. Durch und durch extrovertiert. Ihr Lachen schallt und lässt ihren Mund sich weit öffnen. Sie zeigt ihre Zähne, nicht nur wenn sie lacht. Im Gegensatz zu mir findet sie sofort Gesprächsthemen mit den unterschiedlichsten Leuten. Ist im Kiez bekannt wie ein bunter Hund. Begrüßt den Italiener an der Ecke mit Ghettofaust. Wird beim Bäcker mit Vornamen angesprochen und leiert den Verkäuferinnen charmant einen Lolli aus den Rippen. 

Wie oft wurde ich bereits angesprochen, was für eine Lotta ich da hätte. Sie wäre ja wie Pippi so stark. Oft waren die Blicke der Fremden, die dies zu uns sagten voller Wärme und Lachen. Manchmal aber auch mit etwas Mitleid. Ein paar Mal auch etwas empört über dieses freche, laute Kind. 

Und ja: Es ist manchmal verdammt anstrengend. Und ich ertappte mich bei diesen Worten da oben, denn: Ganz ehrlich, manchmal wünschte ich mir etwas mehr Annika. Und das ist schlimm, ich weiß. Mein Kind ist natürlich genau so richtig, wie sie ist. Das ist ihr Charakter und genau wie es die sanften Charaktere und vieles dazwischen gibt und geben muss, gibt es eben auch diese Räubertöchter. Ich bin dabei das Problem. Ich und mein inneres Kind. Im Kopf habe ich viel zu oft Sätze wie „Das macht man nicht!“ „Das ist zu wild!“ „Das ist zu laut!“ Diese Gedanken sagen mehr über mich aus, als über sie. Sie sind mein Problem. 

Vielleicht vermischt sich da auch vieles: Erziehung zum Einen, ihre und natürlich auch meine. Und dann ist eben auch unsere Grundmelodie unterschiedlich, unsere Charaktere haben unterschiedliche Temperaturen, und der Umgang damit ist manchmal schwer. Mein Kind ist nicht ich. So einfach sich das schreiben lässt, so schwer fällt es manchmal das zu sehen. 

Und gerade nach dem letzten Wochenende brauchen wir sie vielleicht auch, diese lauten, entschlossenen Mädels mit den geballten Fäusten, den entschlossenen Mündern, voller Lachen und auch Widerworten, die sich nichts gefallen lassen, die nachhaken und warum fragen bis es wehtut, die über den Rand zeichnen, die sich nicht verbiegen lassen. 

Also ja, ich will ein Pippi-Langstrumpf-Kind zur Tochter haben. 

(Und lese weiter Frau Mieraus Werk, denn wie so oft helfen mir die Worte und Gespräche mit anderen beim Ordnen von wirrem Gedankensalat im Kopf. Das ist wirklich eine Leseempfehlung, die von Herzen kommt.)

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