Und dann bleibt kurz die Welt stehen. – Affektkrämpfe und unser Umgang damit.

Kurz vor dem ersten Geburtstag des Mädchens klemmte sie sich den Finger an der Klappe des Geschirrspülers. Ich war gerade unter der Dusche und hört sie aufschreien und dann Stille, gefolgt von panischen Rufen des Freundes. Ich sprang so wie ich war aus der Dusche und sah mein kleines Mädchen schlapp in seinen Armen. Ich nahm sie ihm ab und handelte instinktiv. Ansprechen, Reiben, Anpusten. In meiner Panik beatmete ich sie und merkte erst da, dass die noch atmete. Sie war ohnmächtig. Plötzlich schlug sie die Augen auf und wollte offensichtlich stillen (praktisch, ich war ja gerade komplett nackig durch die Wohnung gesprungen) Sie stillte und schlief sofort ein. Und ich fing an zu heulen und zu zittern. Da saßen wir dann zu dritt, eine schlief und zwei Eltern waren völlig am Ende mit ihren Nerven und hielten einfach ihren wertvollsten Schatz. 

Das ganze hatte vielleicht 10 oder 20 Sekunden gedauert. Keine lange Zeit. Für uns war jeder Moment eine Ewigkeit. 

Es folgten Monate mit fast wöchentlichen Anfällen, fast immer war Schmerz der Auslöser. Wir waren beim Arzt und schnell stand fest: unser Kind hat Affektkrämpfe. Ein Affektkrampf ist das Anhalten des Atems, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit, meist ausgelöst durch einen unangenehmen Reiz. Nichts dramatisches, dennoch ist der Anblick meines in sich zusammensackenden Kindes nicht einfach zu ertragen. Gerade die ersten Anfälle auf Spielplätzen und mit vielen Fremden ringsherum brachten mich an meine Grenzen. Musste ich nicht nur die eigene Panik, sondern auch die der umstehenden Menschen aushalten. 

Ich selber hatte als Kind auch solche Anfälle und kann mich auch teilweise an das Aufwachen (meist mit Wasser im Gesicht) erinnern. 

Nun ist das Mädchen vier und wir haben eine gewisse Routine entwickeln. Die Angst bleibt aber gleich und auch wenn der Kopf sagt, es sei alles ok, das Herz möchte zerspringen. 

Was uns half, war den Auslöser zu finden: bei mir war es als Kind Schmerz und auch Wut, beim Mädchen sind es Schmerzen und der darauf unmittelbar folgende Schreck. Der Schmerz muss gar nicht groß sein, es ist die Plötzlichkeit, die dazu führt, daß sie aufschreit und nicht mehr aufhört. Sie reißt den Mund auf, bekommt keine Luft mehr, wird steif, die Augen verdrehen sich. Es folgt die Ohnmacht. Nach wenigen Sekunden wird sie wach, redet manchmal sogar und ist sehr erschöpft. Meist schläft sie dann eine kurze Weile. 

Mit der Zeit haben wir ein paar hilfreiche Strategien gefunden und konnten so auch ein paar Anfälle verhindern. 

Was wir nicht können und auch nicht möchten, ist unser Kind in Watte zu verpacken und ihr das spielen, klettern und toben verweigern. Sie wird sich wehtun. Sie wird stürzen. Fallen. Ja, sogar aufgeschürfte Knie haben. Und sicher, wird sie noch das ein oder andere Mal umkippen. 

Was aber hier half: Die Situation erkennen. Mittlerweile erkenne ich am Aufschreien, dass das ein Anfall werden kann. Dann nehme ich das Mädchen auf den Arm und verlasse mit ihr die Situation. Das kann schon ein Raumwechsel sein oder das Öffnen eines Fensters. Ich bin mit ihr auf dem Arm aber auch schon vom Spielplatz gerannt.

Was auch hilft ist das verbalisieren und lokalisieren des Schmerzes. Ich wiederhole dann ganz einfache Sätze wie „Das tat so weh.“ Oder „Du hast dich erschreckt.“ Das hilft ihr oft beim Einordnen und lenkt ihre Aufmerksamkeit zum Ort des Geschehens.  

Auch etablierten wir ein Schmerzlied. Bei uns ist das „Heile heile Gänschen.“ Atonaler Gesang war noch nie so effektiv. 

Feste Umarmungen sind auch hilfreich, etwa, wenn ich die Situation nicht so schnell mit ihr verlassen kann. Ich halte sie einfach und singe. Und meist reicht das schon und sie stürzt nicht ab in die erschöpfende Ohnmacht. 

Kommt es doch zur Ohnmacht halten wir sie und schützen sie so vor weiteren Verletzungen. Wir sprechen sie an, pusten, streicheln. Nach wenigen Momenten (dennoch: Ewigkeiten) kommt sie wieder zu sich. 

Worauf wir mittlerweile verzichten ist das Aufwecken mit Wasser. Zum Einen bestätigte unser Kinderarzt, dass die Anfälle dann nicht schneller vorüber sind und zum Anderen erschrickt sie dadurch nochmal unangenehm und weint dann meist nochmal. 

Was wichtig ist: alle Menschen, die mit dem Mädchen in Kontakt sind, wissen von diesen Anfällen und sie wissen auch wie sie reagieren müssen. Auch ihre Freunde im Kindergarten wissen Bescheid ohne das sie sie anders behandeln müssten. Aber in der Gruppe wurde thematisiert, das niemand Angst haben muss und sich die Kindergärtner kümmern. Das erste Mal als es ohne unser Beisein in der Kita passierte, versetzte mich dennoch in Panik und ließ daraufhin bei jedem Telefon klingeln meinen Puls in die Höhe schnellen. 

Nun haben wir hier unseren Minimann und ich hatte so gehofft, er hätte diese Veranlagung nicht. Aber, wie das so ist, hat er anscheinend nicht nur meine Augen geerbt. Heute krabbelten wir im Kreis um die Wette (er war am gewinnen), er rutschte mit der Hand weg, stieß sich den Kopf und da war er, der spezielle Schrei und ich handelte nur noch und zitterte und heulte später. 

Das Gewünschteste Wunschkind hat hier Informationen zu möglichen Anfällen bei Kindern gesammelt. 

3 Gedanken zu “Und dann bleibt kurz die Welt stehen. – Affektkrämpfe und unser Umgang damit.

  1. fraubirnbaum schreibt:

    Uff. Was für ein unglaublicher Schreck. Immer und immer wieder. Es tut mir sehr Leid, dass ihr damit umgehen müsst, aber wie ihr das tut ist so wertschätzend und stark♡! Meine Schwester hatte auch solche Anfälle in der Kindheit. Was ihr geholfen hat, waren die Behandlungen bei einem Physiotherapeut bzw. Ostheopath. Dieser löste Blockaden in ihrer Halswirbelsäule , welche scheinbar die Ohnmacht auslöste bei Schmerz oder Aufregung.
    Alles Liebe für euch ♡ !

    Gefällt 1 Person

  2. ministricker schreibt:

    Vielen lieben Dank für deine ausführliche Schilderung sowie den Tipp von FrauBirnbaum mit dem Osteopathen!

    Meine kleine Tochter ist jetzt 3 Jahre alt und leidet seit ihrem 18. Lebensmonat an diesen dämlichen Affektkrämpfen. Ich/Wir auch. 😉
    Mal hatte sie mehrere an einem Tag, mal über Wochen oder Monate keinen einzigen, sodass ich mich schon des öfteren gefreut habe, dass wir alles nun „überstanden“ hätten… Dann kam wie aus heiterem Himmel doch wieder einer.
    Zum Glück ist der Auslöser weder Schmerz noch Schreck, sondern einfach ein nervliches „Drüber“. Zu wenig Schlaf, zu viel Unruhe um sie herum, zu viel an „groß sein müssen“ – neulich war sie abends mit zum Konzert; die Nachtruhe hat nicht gereicht; der Schlaf-Wach-Rhythmus war durcheinander; heute extrem schlechtes Wetter; zu viel TV; zu wenig frische Luft; wieder abends nicht pünktlich im Bett…. und dann war da das Buch, das sie nicht mehr ins Regal zurückgestellt bekam, weil alles irgendwie verklemmt war… eine Kleinigkeit! …., welche wieder mal zum Kollaps ausreichte… 😉
    Herrje!
    Ich dachte, ich würde das hinbekommen, bis sie mit 3 1/2 Jahren in den Kindergarten geht! Aber scheinbar ist man echt machtlos…
    Im Kindergarten weiß außer einer selbst betroffenen Kinderpflegerin-Mama keiner wirklich Bescheid. Ich werde da eher wie eine „Aussätzige“ angeschaut, die ein Kind abgibt, das „Anfälle“ hat… Oh weia…
    Der Kindergartenzeit sehe ich demnach überhaupt nicht gelassen entgegen. Zumal ich mit wenigen Stunden auch wieder zur Arbeit gehe. Eine Zeit, in der ich zum „Auffangen“ nicht zur Verfügung stehe…
    Manchmal kommt mir der Gedanke in den Sinn, dass möglicherweise ICH der Auslöser für alles bin. Schließlich sollte ich mein Mädchen ja mit einem guten Gefühl in ihre neue Kindergarten-Freiheit entlassen… ??? Stattdessen hocke ich hier vor dem PC und zermartere mir den Kopf, was wäre, wenn….

    Noch so als Nachtrag: Auch wir waren schon in der Klinik. Epilepsie wurde ausgeschlossen. Auch sämtliche Herzuntersuchungen wurden gemacht. Die kleine Dickschädel-Dame wurde „kerngesund“ aus dem KKH entlassen. Was ja wiederum toll ist! 🙂

    Trotz allem macht mir dein Bericht und die Art und Weise, wie du/ihr mit dieser Sache umgeh(s)t, Mut!!! Vielen lieben Dank für deine Worte!
    Das Schlimmste, was mir in diesem Zusammenhang einmal von einer anderen Mutti direkt ins Gesicht gesagt wurde, war der Satz: „Jede Mutter bekommt das Kind, das sie VERDIENT!“ – Autsch… Das saß. (…und ich würde meine kleine Maus nie hergeben wollen oder gegen ein anderes Kind eintauschen wollen! – Im Leben nicht!)
    Dir und deiner Familie wünsche ich alles Liebe und Gute, nur wenige Momente, in denen die Welt kurz oder auch mal lang stehen bleibt! Und deinen Kindern eine glückliches, gesundes und unbeschwertes Großwerden! Gleich zwei Affektkrampf-Minis! Ich drück dich und wünsche dir viel Kraft und Gelassenheit!

    Für den Tipp mit dem Osteopathen bedanke ich mich tausendfach! Werd gleich morgen mal einen Termin ausmachen…

    Alles Liebe,
    mini

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