Ich vermisse dich. – ein Brief an mein großes Kind.

Mein großes Kind,

Wir Eltern machten uns viele Gedanken über die Auswirkungen der Enthronung auf dich, sind wir doch selbst die Erstgeborenen in unseren jeweiligen Familien. Erinnerten uns an die Geburt unserer Geschwisterkinder: An das eifersüchtige Knistern und die zeitgleiche heftige Verbundenheit mit diesem kleinen Wesen, was wohl von nun an zur Familien gehören sollte. 

Unvorstellbar. Eben warst du doch noch so klein gewesen, ein Baby, nun ein Kleinkind. Man sagte uns, dass das Erstgeborene mit der Geburt des Babys plötzlich zwei Köpfe größer erscheinen würde. Und tatsächlich: Du hattest ganz plötzlich riesige Hände, unglaublich lange Beine und auch deine Haut hatte sich verändert. Du warst über Nacht das große Kind geworden. 

Mein großes Kind. So groß bist du noch gar nicht, etwa hüfthoch, wenn du deine Arme ausstreckst kannst du mich einmal umarmen. Deine kleinen Hände suchen Nachts nach mir und krakenartig schlingst du dann Arme und Beine um mich, drückst deine kleine Nase in meinen Rücken und schläfst erleichtert weiter. Ein Stück weit habe ich mich dir entrissen. Da wurde dieser kleine Mensch mit all seinen Bedürfnissen in unsere Mitte geboren und vieles drehte sich erstmal um ihn. Du warst meine ganze Welt und plötzlich war da eine zweite, sehr lautstarke und forderte mich voll und ganz. Die Liebe verdoppelt sich, sagt man. Und wirklich: es stimmt. 

Und dennoch vermisse ich dich, mein großes Kind. Ich vermisse es mit dir Hand in Hand durch den Park zu spazieren, ich vermisse die vertrödelten Wochenenden, das ewige Fahrradfahren im Sommer mit dir, lautstark singend hinter mir auf dem Kindersitz. Ich vermisse es dir stundenlang ungestört vorzulesen, ich vermisse die Tage an denen ich dich nicht mit einem „gleich“ oder „bald“ vertrösten musste. 

Du bist so geduldig mit mir, mein großes Kind. Und gewachsen bist du in diesem letzten Jahr, nicht nur körperlich. Die Geschwisterrolle hat dich verändert. Du kümmerst dich liebevoll um „unser Baby“, bist empört, wenn ich gespielt streng mit ihm übers Windel wechseln verhandele  (sich drehen können ist so schön!) Und schimpfst mit mir „So spricht man nicht mit einem Baby!“. Ihr Geschwister seid schon jetzt zu einer Allianz verwachsen. 

Und ich bin manchmal so ungeduldig mit dir, bist du doch das große Kind, denke ich und stolpere über meine eigenen Gedanken. Dabei bist du noch so klein. Abends habe ich Gewissensbisse und denke an all die „gleichs“ und „balds“ die du an diesem Tag ertragen hast (ertragen musstest).

Mein Kind, ich würde mich so gern teilen können. Hätte so gern vier Arme oder mehr, um euch beiden zu jeder Zeit gerecht werden zu können. Hätte so manches Mal gern mehr Geduld und einen längeren Atem. Mehr Kraft. Mehr Zeit.

Nur eines bleibt mir zu hoffen: Mein Herz ist riesengroß und jeden Abend, wenn du schon schläfst, flüstere ich dir ins Ohr, wie lieb ich dich habe. Und ich hoffe insgeheim, das du genau das zu jeder Zeit spürst. 

Deine Mama. 

3 Gedanken zu “Ich vermisse dich. – ein Brief an mein großes Kind.

  1. nunuloves schreibt:

    Wie wunderschön! Auch wir haben gerade 2 „große “ Kinder zu Hause, die sich so liebevoll um das kleine Brüderchen kümmern & oft zurückstecken.
    Und gerade heute habe ich mir gewünscht in Ruhe vorlesen zu können.
    Sie bekommen zum Glück auch sooo viel durch ein kleineres Geschwisterchen & zum Glück erinnern wir Eltern uns manchmal auch daran,dass sie auch mal volle Aufmerksamkeit brauchen.
    Dein großes Kind wird es spüren,dass Du es liebst! Ganz sicher.
    Liebe Grüße
    Nunu

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  2. Ulrike schreibt:

    *schnief*
    Sie spürt es bestimmt… schön, dass du es ihr auch sagst!
    Ich bin froh, dass deine kleine Große irgendwann lesen und verstehen kann, was du da wunderschönes schreibst!
    Auf bald!

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