Vom Aushalten. 

Als Eltern müssen wir sie oft aushalten: Die großen und die kleinen Bedürfnisse und Gefühle unserer Kinder. Wir tragen Abend für Abend unser Baby und helfen ihm den lauten Tag zu verarbeiten, wir sind nächtelang wach, wenn die Zähne kommen, wir pusten auf unzählige Beulen, wir bieten unsere offenen Arme während eines Wutanfalls an und halten kleine Hände in fiebrigen Nächten. Wir sind da.

Beim Mädchen sind es häufig die großen Gefühle, wie Wut, Enttäuschung und Traurigkeit. Sie wollen gesehen und aufgefangen werden. Manchmal reicht es schon einfach zuzuhören. Ihr nicht das Wort mit einem „Ist doch nicht so schlimm“ abzuschneiden. Vor einigen Wochen wurde in unserer Straße eine alte Kastanie gefällt. Das Mädchen sah am Fenster stehend zu und schimpfte, tobte und weinte. Der arme Baum, er war schon immer da gewesen. Und plötzlich war er weg. Ich erklärte, warum der Baum wohlmöglich gefällt worden ist. Sie brauchte aber keine Erklärungen, sie wollte, das ich zuhörte und ihren Gefühlen achtsam begegnete. Und auch bei der zwanzigsten Wiederholung der Geschichte, bin ich mit offenen Ohren da, bis sie selbst in ihrer Wirklichkeit eine für sie passende Erklärung gefunden hat. „Der Baum war krank, jetzt ist er tot. Und nun bin ich ganz traurig.“ Meist atmet sie dann noch einmal schwer auf und dann ist es gut. Sie wurde gehört. 

Natürlich gibt es auch bei uns wütende, tobende und für mich auf den ersten Blick nicht nachzuvollziehende Wutanfälle. Es gibt auch Tage, da ist alles blöd. Wer kennt das nicht. Was wir tun können, ist: Da sein, den Sturm aushalten und dann unsere offenen Arme für eine warme Umarmung anbieten. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Und ist auch eine Frage von Ressourcen. Bin ich müde und gestresst fällt es mir viel schwerer die Gefühle meiner Kinder zu erkennen und auszuhalten. 

Der Minimann äußert seine Bedürfnisse sehr deutlich. Er nutzt das für Babys so wertvolle Kommunikationsmittel, das Weinen. Manchmal hat dieses Weinen allerdings keinen offensichtlichen körperlichen Grund, wie Hunger, Müdigkeit oder eine nasse Windel. Auch Babys müssen ihre Emotionen herauslassen. Und oft bringt alles diagnostizieren nichts. Es muss einfach raus und möchte gehört werden. Momentan fordert er uns diesbezüglich sehr. Der Minimann ist unruhig, schläft schlecht und weint viel. Seine Welt verändert sich jeden Tag. Mit der zunehmenden Vergrößerung seines Bewegungsradiusses eröffnen sich ihm immer neue Perspektiven. Was aufregend ist. Aber eben auch ganz schön beängstigend. Wir sind sein Heimathafen, seine Rückversicherung und auch der Ort an dem er all seine Verunsicherung und Aufregung herauslassen kann. 

Und so hören wir unseren Kindern zu, so gut wir können und erfahren dabei auch viel über uns. Erkennen neue Grenzen und wachsen manchmal darüber hinaus. Denn auch das Erkennen der eigenen Grenzen will ausgehalten werden. 

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