Schlafen wie ein Baby. Oder: über Elternmüdigkeit. 

Nach manchen Wochenenden bräuchte man ja eigentlich einen Jahresurlaub oder zumindest ziemlich viel Schokolade und eine feste Umarmung. Manche Wochenenden sind eine Aneinanderreihung von kaputtem Geschirrspüler, liegengebliebendem Auto, zahnendem Baby, schlecht gelauntem Kleinkind und wenig Schlaf. Wussaaaa! 


An Müdigkeit haben wir uns in unserer Elternkarriere irgendwie schon gewöhnt und dennoch treffen uns so richtig bescheidene Nächte noch immer wie ein Hammerschlag. Unser kleiner Minimann schläft nun seit Wochen schlecht und ich habe mich von der Illusion je wieder mehr als 1 Stunde am Stück zu schlafen schonmal vorsorglich verabschiedet. Aber am vergangenen Wochenende kam ich in einer Nacht vielleicht auf eine Stunde Schlaf insgesamt. Irgendwas hatte der kleine Kerl und so half alles Stillen, kuscheln, wickeln, tragen, summen und selbst Wellenrauschen nicht. Irgendwo drückte der Schuh und ich konnte nur da sein und mit aushalten. Und gerade das fällt um 4 Uhr früh ohne bisher nennenswerte Ruhepause einfach extrem schwer. In besagter Nacht maulte ich also irgendwann den Freund an „Du bist dran.“ Übergab die kleine Motzgurke, drehte mich um und fiel sofort in tiefen Schlaf. Der nun wache Vater war natürlich reichlich verdattert ob meiner Laune, hatte er doch gerade noch tief und fest geschlafen, um nun seinen hellwachen und plötzlich sehr fröhlichen Sohn in den Armen zu halten. 

Im Licht des Morgens sehen solche Nächte meist ganz anders aus, aber nachts, so ohne erholsamen Schlaf in greifbarer Nähe, machen sie uns mürbe und zuweilen auch unfair. Was uns dann hilft, ist darüber zu sprechen, ehrlich sein und die eigene und eben auch die Erschöpfung des anderen zu sehen. Und dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen. 

Schlaf ist ein absolutes Grundbedürfnis. Und ist auch zwischen Eltern und in Babykursen ein sehr zentrales Thema. Wir Eltern schlafen meist schlecht. Dennoch scheint es einer gesellschaftlichen Konvention zu entsprechen jedes gerade frisch gebackene Elternpaar zu fragen „Naaaaa, schläft es denn schon durch?“ Äh tja. Besonders hilfreich sind in dem Zusammenhang auch Äußerungen wie: „Du siehst aber müde und fertig aus.“ Ja, nett. Und wenig hilfreich. 

Das Problem ist da häufig die Erwartung, dass das Baby sich unserem Schlafrythmus anpassen müsse. Das tut es nur meist nicht. Babys schlafen aus guten Gründen anders als wir. Sie sind zu einem so hohen Maße von uns abhängig, da es für sie zwingend notwendig ist im Sicherheitsmodus zu schlafen. In unseren Kindern laufen uralte Programme ab: Unsere Welt war mal sehr gefährlich. Zu gefährlich für ein kleines recht unbewegliches kleines Menschlein. Es bestand die Gefahr zu erfrieren, vergessen oder gar gefressen zu werden. Unsere Babys heute wissen nichts von unseren abgeschlossen Wohnungen mit Zentralheizung und Babyphon. Unsere Kinder sind auf unsere Fürsorge angewiesen, auch und besonders in der Nacht. Und wenn wir uns anschauen, wie wir am besten schlafen zeigt sich doch folgendes: Am besten schlafen wir wenn wir müde und zufrieden sind und vor allem in Gesellschaft. Die meisten Menschen schlafen ohne ihren Partner (auch wenn dieser zum verrücktwerden schnarcht, räusper) ziemlich schlecht. Genauso geht es unseren Kindern. An diesem Programm, das da in Babys Kopf abläuft, können wir genau nichts ändern. Wir sollten es annehmen und uns anpassen. Für Geborgenheit in einer babyfreundliche Schlafumgebung sorgen. 

Ein weiteres Dilemma ist das Wort Durchschlafen. Für mich persönlich würde durchschlafen bedeuten mindestens 8 Stunden zu schlafen. Am Stück. Ohne Kinderfüße im Gesicht, ohne Pipiunterbrechungen, ohne Abhalten und Windeln wechseln, ohne Stillen. (Hach, das waren noch Zeiten). Die Wissenschaft hingegen spricht von Durchschlafen bei einer Schlafdauer von 5 Stunden. Eine Erwartung, die unsere Babys meist gar nicht erfüllen können. Muttermilch ist so gut und schnell verdaulich, dass Stillkinder häufiger Nahrung zu sich nehmen müssen. Auch schlafen Babys und Erwachsene anders: Wir großen Menschen haben meist einen Schlafzyklus von 1 bis 2 Stunden, bestehend aus einer Einschlafphase, einer Tiefschlafphase und dem REM Schlaf. Nachts wiederholt sich dieser Schlafrythmus ungefähr 4 mal. Babys Schlaf hingegen beginnt mit einer sehr störungsanfälligen REM Schlafphase von circa 20 Minuten, erst danach fallen sie in den Tiefschlaf und das eben auch meist nur, wenn sie bei einem kurzen Check feststellen, das alles noch so ist wie beim Einschlafen. Mama/ Papa noch da? Noch die gleichen Gerüche? Die gleiche Umgebung? Gut, weiterschlafen. Und nach knapp einer Stunde wachen sie auf oder ein neuer Schlafzyklus beginnt. Meist ist es für uns Eltern möglich sich nach der REM Schlafphase rauszuschleichen. Und dann gibt es da natürlich noch das zweite Lieblingselternthema neben dem Schlaf: Der Schub. Babys entwickeln sich in Schüben und lernen in sehr kurzer Zeit wahnsinnig viel. So kann es eben sein, das ein einstmals durchschlafendes Baby plötzlich wieder sehr unruhig schläft. (Und auch andersrum! Hoffnung!)

Was hilft nun uns Eltern? Zum Einen das Wissen, das diese Zeit irgendwann mal vorbei geht. Irgendwann werden wir wieder 8 oder sogar mal 9 oder 10 Stunden schlafen und morgens ausgeschlafen aus dem Bett steigen und uns nur noch vage an diese durchwachten Nächte mit unseren Kindern erinnern und vielleicht sogar ein bisschen wehmütig werden. Zum Anderen sollten wir den Druck aus dem Schlafthema nehmen: Jede Schematisierung von Kinderschlaf und jede aus der Luft gegriffene Behauptung (Babys müssen mit 6 Monaten durchschlafen und dürfen nicht mehr trinken) sollte kritisch hinterfragt werden. Jeder Erwachsene schläft anders. Es gibt die Lerchen und die Eulen und die Typen dazwischen. Warum sollten unsere Kinder nach Schema F schlafen? Und auch ich trinke nachts etwas und manchmal bekomme ich auch nachts Hunger. Warum sollte unser Kind mit 6 Monaten nachts ohne Nahrung auskommen? 

Und so abgedroschen der Satz ist: Schlafen, wenn das Baby schläft. Haushalt und Wäsche liegen lassen. Und ab ins Bett. Eine ungesaugte Wohnung stört die meisten Babys nicht. (Ein Punkt an dem ich gerade stark arbeite, also das Haushalt  sein lassen.) 

Wenn es ganz akut ist: Nehmt Hilfe an. Sei es, dass der Partner mit dem Baby im Tuch eine Runde um den Block dreht und man selber in die Wanne geht oder einfach mal eine Stunde schläft. Auch Freundinnen oder Verwandte können kurze Zeit auf unsere Kinder aufpassen. Das geht! Nutzt Hilfsmittel: Unsere Federwiege in Kombination mit Wellenrauschen (Es gibt da so eine App) war bei unseren Kindern der Lebensretter. Manchen Eltern hilft es sich die Nächte zu teilen, so dass jeder auf ein paar Stunden Schlaf am Stück kommt. Andere wiederum lagern einen Schlafplatz aus. 

Und immer wieder: Sprecht darüber. Zuallererst natürlich mit eurem Partner und auch mit den Geschwisterkindern. Manchmal reicht es schon zu sagen: Hör mal, ich bin müde und geschafft. Ich hab es nicht so gemeint. Sprecht mit Freundinnen, in Kursen und mit Eltern, die ein Kind erwarten über die guten, aber eben auch über die schlechten Nächte. Und dann gibt es ja noch die Hoffnung: Irgendwann werden wir alle wieder gut schlafen. Vielleicht schon heute Nacht.  


Ein wunderbares Buch über Babyschlaf ist übrigens: „Schlaf gut, Baby!“ von Nora Imlau und Herbert Renz-Polster.

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