Ein Liebeslied ans Wochenbett.

Das Wochenbett. Das ist diese sensible Zeit nach der Geburt. In der Literatur finden sich verschiedene Angaben über die Dauer: Manchmal heißt es 3 Wochen, wovon die erste Woche am besten im, die zweite auf und die dritte in der Nähe des Bettes verbracht werden sollte, um Geburtsverletzungen heilen zu lassen und den Beckenboden zu schonen. Am geläufigsten ist die Angabe 6 bis 8 Wochen (8 Wochen gilt auch der gesetzliche Mutterschutz) und manche sprechen auch von 3 bis 6 Monaten, die es braucht bis eine Familie zueinander gefunden hat. Auf jeden Fall ist es eine Zeit des Sammelns und der Schonung. Ein Ausnahmezustand. Viel zu häufig wird diese Zeit belächelt und auch viele Frauen lassen schon nach wenigen Tagen das Bett hinter sich. Gerade, wenn da schon 1 oder 2 oder mehr Kinder durch die Wohnung hüpfen. 

Bei uns war es genau umgekehrt. Beim ersten Kind nahm ich die Empfehlungen absolut nicht ernst und war 3 Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus schon wieder unterwegs. Im Bett lag ich nur nachts, wenn ich nicht saß, da das Stillen nicht so richtig laufen wollte und ich ständig eine Batterie von Kissen um mich herum brauchte. 

Beim Minimann zelebrierte ich das Wochenbett regelrecht. Ich war die ersten 2 Wochen fast nur im Bett anzutreffen. Es war so magisch und einzigartig, dass mich manchmal, wenn der Alltag zu voll und zu laut ist, eine kleine Sehnsucht nach dieser Zeit überkommt. Diese Zeit des Beschnupperns, Regenerierens, des Heilens und Verliebens. Des Zusammenwachsens. 

Ich zählte täglich die kleinen Babyfinger und Babyzehen. Mein Hirn war benebelt von Hormonen und ich sog diesen süßen Babygeruch ein, strich über weiches Flaumhaar, die zarte Haut und diese unfassbar kleine Stupsnase. Ich lauschte den Geräuschen: Der Minimann sang richtige kleine Lieder beim Schlafen und seufzte vor sich hin. Unser Baby lebte an und auf mir. Wir frühstückten morgens zu dritt im großen Bett, vormittags besuchte uns unsere Hebamme und wir saßen gemeinsam mit Tee und manchmal auch mit Kuchen da und quatschten. Nachmittags kam das Mädchen dazu und bestaunte gemeinsam mit uns den kleinen Bruder oder malte mir Bilder oder hüpfte im Bett rum. Wir sahen uns unsere kleinen Wunder an und bekamen fast einen Zuckerschock, so niedlich waren die beiden. Jeder für sich und zusammen noch mehr. Und: Der Bauch war endlich weg. ich konnte wieder richtig mit dem Mädchen kuscheln, ich konnte auf dem Bauch liegen, mich vorbeugen. Mir selbst die Nägel lackieren. Das Mädchen schlief ein paar Abende immer auf meinem Bauch liegend ein, strich über ihn und murmelte schläfrig: „Soooooo weich. Schöööön.“ 

Immer mal wieder kamen Freunde und Familienmitglieder in unsere Wochenbettblase  und brachten Kuchen oder ganze Mahlzeiten mit, Tisch und Stühle wurden verrückt und alle saßen um das große Bett herum. Alles war unglaublich langsam und zart und voller erster Male. 

Und da waren auch Personen, die diese Zeit so voller Liebe gestalteten: Zuallererst mein Partner, der hier alles ziemlich gut im Griff hatte, den Alltag und die Wäscheberge. Der das Mädchen in den Kinderladen brachte und wieder abholte, einkaufte, putzte, kochte und zwischendurch mit mir und dem Minimann kuschelte und mich bremste als ich zu früh wieder rumwirbeln wollte. Da waren meine Eltern und auch die Schwiegereltern, die Einkäufe übernahmen, Frühstück vorbeibrachten, mit dem Mädchen Ausflüge machten und sich so sehr über ihr zweites Enkelkind freuten. Und voll darauf vertrauten, das wir die Kinder schon schaukeln werden. Eine Hebamme, die uns zur Seite stand mit Wissen und Erfahrung. Und die hier einen sehr festen Platz in unseren Herzen eingenommen hat. Und Freunde. Freunde mit Essen, mit Lachen, mit Verständnis und mit ganz viel Willkommensliebe für unseren Minimann. 

Familien brauchen das Wochenbett. Unsere Kinder kommen in dieser Zeit in dieser lauten und trubbeligen Welt an, wir Frauen heilen und erholen uns, die Männer wachsen in ihre Rolle als Väter (ob nun Erst-, Zweit, Dritt- …Vater) hinein und auch die Geschwister lernen sich kennen. Es ist ein gemeinsames Ankommen in einer völlig neuen Zeit. 

Körperlich ist es auch eine Zeit großer Umstellung: Der Hormonhaushalt steht einmal Kopf (oh Gott, es war so warm!), die Gebärmutter bildet sich zurück, der Milchfluss kommt in Gang, der Wochenfluss setzt ein, Geburtsverletzungen müssen heilen – all das braucht Zeit und Schonung. Und gerade, wenn es nicht das erste Baby ist, braucht es auch Vorbereitung. 

Hier nun also eine kleine Liste für das magische Wochenbett:

  • Schafft Vorräte an. Das können vor allem haltbare Sachen sein, aber auch Leckereien, die ihr gerne essen möchtet. Bei mir war es ein Schokoladenvorrat in einem kleinen Stoffkistchen im Bett. 
  • Vorkochen und einfrieren ist eine Option. Bei uns funktionierte die Versorgung durch Freunde und Familie auch recht gut. Eine vorgekochte Mahlzeit, mitgebrachte Brötchen, ein kleiner Einkauf ist wirklich mehr wert als der 1000. süße Body. 
  • Deligiert Aufgaben und nehmt Hilfe an. Auch wenn es schwer fällt. Es ist total richtig Hilfe anzunehmen. 
  • Überlegt euch, wer euch wann besuchen darf. Es ist völlig ok, wenn ihr nicht sofort die komplette Verwandschaft im Haus haben wollt. Und es ist auch ok Besuch kurzfristig abzusagen, wenn gerade zu der Zeit alle müde sind und auch das Baby von dieser Müdigkeit überzeugt ist. 
  • Für die Geschwisterkinder: Legt eine kleine Box mit neuen Büchern und mit kleinen Spielen an. Ich hatte in den Wochen vor der Geburt die Secondhandläden abgeklappert und ein paar schöne Sachen gefunden. 
  • Was ich mir vornahm und nicht einhielt und was mich dann etwas ärgerte: Erledigt den Papierkram vor der Geburt. Dazu gehört der Antrag für die Familienversicherung bei eurer Krankenkasse und auch die Beantragung des Mutterschaftsgeldes. Auch schadet es nicht schon den Elterngeld- und Kindergeldantrag so weit wie es geht ausgefüllt zu haben. Wir brauchten auch eine Vaterschaftsanerkennung und mussten das gemeinsame Sorgerecht beantragen, da wir unverheiratet sind. Auch das kann recht bequem vor der Geburt erledigt werden. (Haben wir nicht geschafft und mussten das dann danach erledigen). Bei einer außerklinischen Geburt müsst ihr auch spätestens 7 Tage nach der Geburt eures Kindes zum zuständigen Standesamt und bekommt dort die Geburtsurkunde (Kopien nicht vergessen, die braucht ihr für die verschiedenen Anträge). Für den ganzen Papierkram, der anfiel hatte ich mir ein kleines Wochenbettbüro in kleinen Ikeakisten eingerichtet. So konnte ich bequem vom Bett aus alles erledigen.  
  • Sucht euch professionelle Unterstützer: Zuallererst natürlich eine Hebamme für die Nachsorge. Toll ist es natürlich, wenn sie auch zu euch und eurer Familie passt und ihr euch auch schon vorher kennenlernt. In den ersten 10 Tagen nach der Geburt kommt die Hebamme täglich vorbei, es wird gewogen, gemessen, nach dem Nabel geschaut und auch sonst könnt ihr alle Fragen los werden. Es werden insgesamt 16 Termine von der Krankenkasse bezahlt. Zusätzlich zur Hebamme gibt es Mütterpflegerinnen. Diese unterstützen Frauen und Familien bei der Führung des Haushaltes, kochen frisch und bemuttern die Mutter. Es gibt Massagen, ihr könnt in Ruhe duschen oder auch mal schlafen, während die Mütterpflegerin sich um das Baby kümmert. Gerade, wenn euer Mann keinen Urlaub nehmen kann oder ihr alleinerziehend seid und auch wenn es schon Kinder in der Familie gibt, ist diese Unterstützung viel wert. Mütterpflegerinnen findet ihr hier und hier. Oder ihr fragt eure Hebamme. Mit etwas Druck ist auch die Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse möglich. Auch ist es gut für den Notfall den Kontakt einer Stillberaterin in euer Nähe parat zu haben. Bei einer außerklinischen Geburt ist außerdem ein Kinderarzt toll, der für die U2 zu euch nach Hause kommt. 

Ich glaube wir hatten es, das perfekte Wochenbett. Und darum sehne ich mich auch etwas danach zurück. Der Alltag als Familie ist alles andere als perfekt: Er ist chaotisch, wild, meist unvorhersehbar. Aber eben auch: Lebendig, lustig und in all der Unperfektheit perfekt. 

Mein strenges Wochenbett endete nach 2 Wochen, als wir einen Anruf vom Kinderladen bekamen. Das Mädchen war von der Schaukel auf Kopf und Brust gefallen. Mann und Mädchen fuhren zum Arzt und ich blieb zuhause mit dem Minimann und wäre doch gern bei meiner weinenden Erstgeborenen gewesen. Da saß ich dann auf dem Sofa und mich traf es: Wir haben nun zwei Kinder, deren Bedürfnisse gesehen werden wollen, die wir lieben werden, um die wir uns sorgen. Für immer. Und ein Stückchen hatte es mich wieder, das alltägliche Leben. Wild und chaotisch und laut und wunderschön, wie es ist. 

15 Gedanken zu “Ein Liebeslied ans Wochenbett.

  1. Anne schreibt:

    Was für ein schöner Text! Ich fühle mich sofort zurück versetzt in mein zweites Wochenbett. …bei meinem ersten Kind hab ich diese zeit auch überhaupt nicht genutzt…aber bei meinem zweiten kind, meiner ersten Hausgeburt (ich bin fest von einem Zusammenhang überzeugt) habe ich es wie du zelebriert, alles war so heilig und ich hatte überhaupt kein Bedürfnis mich in die normale Welt da draußen zu begeben 🙂
    Du hast mir mit deinen Zeilen gerade ein paar melancholische Tränen in die Augen gezaubert!

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  2. theoundphil schreibt:

    Ein wunderbarer Text. Seid dankbar wenn es so bei euch war. Ich habe zwei Kinder und das Einzige, was ich an Hilfe bekommen habe, war im 2.Wochenbett als Baby und ich krank waren eine mitgebrachte Fertigpizza für das 2jährige Geschwisterkind (!!!) und Sekt für mich (!!!) vom Schwiegervater. Wir haben trotzdem das Beste daraus gemacht aber es war ein Kraftakt.

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  3. einfachcarolin schreibt:

    Sehr sehr schöner Artikel. Ich befinde mich mit Baby Nummer 2 gerade im Wochenbett. Vor 4 Wochen ist unser Sohn zur Welt gekommen und ich habe das Wochenbett genauso zelebriert wie bei Nummer 1. Ich empfinde diese Zeit auch als sehr wichtig und finde es schade, dass sehr viele Frauen ihr Wochenbett nicht „einhalten“ bzw. manchmal auch nicht einhalten können.

    Ganz viele liebe Grüße,
    Caro

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  4. Mandy schreibt:

    Sehr schön geschrieben. Ich habe mein Wochenbett auch genossen. Schade nur, dass es bei uns von Vielen belächelt wurde und oft auch auf Unverständnis stieß. Jeder wollte die Maus sehen. Aber es war gut so. Sie ist sehr sensibel und braucht die Ruhe. Auch nach dem Wochenbett haben wir zwischen Terminen mindestens 2 Tage frei gemacht. Nur kuscheln, tragen, stillen und wenig Reize. So langsam kommt sie an.

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  5. suse0815 schreibt:

    Ein sehr sehr schöner Artikel. Bei meinem ersten Kind war ich auch viel zu schnell auf den Beinen, jetzt bin ich mit Nr.2 schwanger und freue mich sehr Es dieses mal ruhiger angehen zu lassen. Man weiß einfach besser, wie schnell es vorbei geht.

    Eine kleine Anmerkung muss ich allerdings machen. Hebammen kommen zusätzlich zu den täglichen Terminen in den ersten 10 Tagen 16 mal in den ersten zwölf Lebenswochen.
    Also noch ein bisschen besser als du geschrieben hast 🙂

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  6. Nora schreibt:

    Toll geschrieben! Ich liege auch gerade mit unserer zweiten Tochter im Wochenbett und habe mir eine Mütterpflegerin organisiert. Das ist wirklich eine ganz wunderbare Hilfe!

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