Die Premilch im Küchenschrank – eine Stillgeschichte. 

In der Schwangerschaft mit dem großen Mädchen stand für mich schon fest: Ich möchte stillen. In den Ratgebern, die man nun mal so liest, als Schwangere, hatte ich gelesen, dass das Stillen gut fürs Kind sei. Muttermilch ist die natürlichste Ernährung für unsere Babys. Muttermilch enthält im Gegensatz zu Pulvermilch wertvolle Antikörper. Muttermilch ist immer perfekt temperiert und an die Nährstoffanforderungen des Babys angepasst. Stillen kann Brustkrebs vorbeugen. Stillen ist Nähe und Geborgenheit. Mehr Infos brauchte ich nicht, es würden sicher so 4 oder vielleicht sogar 6 Monate werden, so dachte ich. Ist ja auch wahnsinnig lang und dann bekommen Babys ja eh Brei und die Flasche. Zu den Plänen von Ersteltern schrieb ich schon mal. 

Die letzen Wochen ohne Kind lagen vor uns und wir hatten die Komplettausstattung im Schrank: Flaschen, verschiedene Sauger, Flaschenwärmer, Dampfsterilisator. Pulver wollten wir erst kaufen, wenn „das mit dem Stillen nicht klappt“.

Das Mädchen wurde im Krankenhaus geboren und wir waren überglücklich. Tagsüber. Dann kamen die Nächte und ich war allein mit diesem kleinen Bündel im Krankenhauszimmer. Klar, da war noch eine andere Frau mit ihrem (3.) Kind. Aber ich fühlte mich allein. Das Mädchen wollte nicht trinken und ich dachte ich würde alles falsch machen. Die erste Nacht – sie schrie, ich hatte Schmerzen und plötzlich hatte sie Blut am Mund und überall im Gesicht. Ich war völlig panisch. Mein erster Gedanke war: mit meinem Kind stimmt etwas nicht. Ich klingelte, die Nachtschwester kam, sah mich mitleidig an und sagte „Das sind Sie, die da blutet. Machen Sie weiter.“ Sie gab mir Stillhüttchen und ich machte weiter. Und weinte. Vor Schmerz, Müdigkeit, Erschöpfung und voll der surrealen Angst, mein Kind würde verhungern. Unser Mädchen wurde schlapp. Neugeborenengelbsucht. Mir wurde eine Stillberaterin zugesichert, die aber nie kam. Völlig klar bei EINER Stillberaterin auf der Station. Ein Segen war meine Bettnachbarin – sie stand auch nachts, trotz frischer Kaiserschnittnarbe, auf und half mir beim Anlegen und erklärte mir woran ich erkenne,  das mein Baby schluckt. Du tolle Frau, falls du das liest: ich danke dir so sehr! 

Nach 3 Tagen konnten wir nach Hause. Das Mädchen hatte ziemlich abgenommen und die Gelbsucht machte uns Druck. Das Kind brauchte Milch. Wir waren verunsichert und ängstlich. Also wurde Prenahrung gekauft. Das Paket stand dann da und war das Sinnbild für unsere Verunsicherung und für meine Angst vor dem vermeintlichen Versagen. 

Unsere Nachsorgehebamme kam und war die Heldin in der Not. Sie zeigte mir als Erste überhaupt, wie das mit dem Anlegen geht, lagerte mich mit Kissen und Hocker unter den Füßen und half mir beim Wecken des schlappen Kindes. Gefühlt haben wir uns die ersten Babywochen mit nichts anderem als dem Stillen beschäftigt. Mein Entschluß: 4 Monate schaffe ich. 

Die Wunden verheilten und nach ein paar Wochen waren die Stillhütchen nicht mehr notwendig. Und dann war Stillen plötzlich einfach – wir hatten es beide gelernt. 

Aus dem Vorsatz 4 Monate zu stillen wuchsen wir so langsam heraus und so wurde aus mir letztendlich das, was die meisten als Langzeitstillerin bezeichnen würden, für uns war und ist es normal. Liegt doch das natürliche Abstillalter evolutionsbiologisch irgendwo zwischen 2 und 7 Jahren. 

Ende letzten Jahres entschied ich mich von jetzt auf gleich abzustillen. Eigentlich sollte das Mädchen den Zeitpunkt selbst bestimmen dürfen. Aber: Ich konnte nicht mehr.  Die Hyperemesis hatte mich zu sehr aus der Bahn geworfen. Wir besprachen aber (auch so eine tolle Sache am Kleinkindstillen), dass das Baby im Frühjahr ganz viel Milch mitbringen würde, und wir es dann gerne nochmal probieren könnten. Als dann der Minimann und damit eine zweite Stillbeziehung geboren war, fragte das Mädchen immer wieder nach. Und so stillen wir nun tatsächlich Tandem. Das große Mädchen nur zum Kuscheln vor dem Einschlafen und der Minimann natürlich nach Bedarf.

Stillen ist mir nun ein Herzensthema. Der etwas holprige Start mit Stillhüttchen, Schmerzen, Blut und Tränen brachte mich zu meiner heutigen Arbeit. Ich wollte Familien helfen und zumindest in meinem kleinen Umfeld dazu beizutragen, das Mütter und Väter in dieser sensiblen Anfangsphase mit ihrem Baby unterstützt werden. So wurde ich Stillberaterin (und daraus resultiert so viel mehr).
In meiner Arbeit zeigte sich, wie wichtig Information und Vorbereitung sind. In vielen Städten gibt es Workshops und Kurse zur Stillvorbereitung. Auch der Besuch einer Stillgruppe vor der Geburt des Babys lohnt sich. Geburtsvorbereitungskurse reißen das Thema meist nur an, geht es doch vorrangig um die Geburt. Und auch für die meisten Frauen ist erstmal das Thema Geburt im Zentrum (Ist ja auch sehr aufregend!) Das Stillen wird häufig als etwas natürliches, was sich einfach so ergibt oder eben einfach nicht klappt, gesehen. Stillen ist zwar natürlich, aber unser Körper und auch das Baby müssen erst lernen, wie das mit der Milch funktioniert. Die beste Stillvorbereitung ist eine informierte Mutter und ein unterstützender Vater (!!!), die wissen, wie und wo sie sich Hilfe suchen können! Und was Eltern, neben unterstützenden Personen brauchen: Ruhe! Geduld! Vertrauen!

Die unangetastete Premilch stand übrigens bis zum Frühjahr diesen Jahres bei uns im Küchenschrank. Erst kurz vor der Geburt vom Minimann konnte ich sie entsorgen. 

(Wir beiden Mädels 2013)

2 Gedanken zu “Die Premilch im Küchenschrank – eine Stillgeschichte. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s