Geburt zuhause. 

Ist ein langes Abwarten. Ein Zeit geben. Ein Vertrauen. Ein sich selbst und dem Baby trauen. Und ja: auch ein den Schmerz zulassen.

Eine Hausgeburt hat nichts mit Esoterik zu tun, ist nicht gefährlicher als eine Klinikgeburt (Studien belegen das).
Unser Wunsch nach einer Geburt zuhause kam aus der tiefen Überzeugung heraus, dass eine komplikationslose Schwangerschaft eben keine Krankheit ist und somit Geburt auch nicht unbedingt in ein Krankenhaus gehört (es sei denn die Familie wünscht es so!)
Es heißt aber auch zu lesen und sich zu informieren und zu kümmern (besonders früh um eine Hausgeburtshebamme, die sind nämlich selten!) Dieses Mal wollte ich genau wissen, was zu tun ist, wollte auf meinen Körper hören und verstehen, wie so eine Geburt „funktioniert“ (das tut sie nämlich nicht) und so las ich und verstand immer mehr wie Geburt sein kann, was (freie!) Bewegung ausmacht und was Vertrauen und Geborgenheit unter der Geburt für eine Bedeutung haben.
Noch am Tag vor der Geburt des Minimanns sagte mir eine Ärztin, dieses Kind sei zu groß und zu schwer für mich. Ich solle einleiten lassen, zumindest ins Krankenhaus gehen, dieses Kind „würde ich nicht schaffen“. Sie sprach auch von Kaiserschnitt. Und überhaupt, wie käme ich auf die Idee ein Kind zuhause zu bekommen. (Wohlgemerkt sie wusste schon Wochen vorher davon, es war ihr aber ein Bedürfnis genau zu diesem Zeitpunkt mich und meine Kompetenz als Mutter in Frage zu stellen).
Am Tag vor der Geburt waren wir nachmittags noch Eis essen, es war knalleheiß in Berlin, wir spazierten durch den Park nach Hause. Danach kümmerte ich mich noch etwas um den Haushalt. Papa und Tochter spielten im Hof.

Gegen 18 Uhr begann dann das allabendlichen Gewehe, das uns schon seit einigen Tagen begleitete doch anders zu werden. Und ich beschloss das Mädchen trotz vorher gegenteiliger Pläne von Oma abholen zu lassen. Ich brauchte einen freien Kopf und das Gefühl unser großes Kind gut untergebracht zu haben. Sie freute sich sehr und hüpfte aufgeregt mit der aufgeregten Oma aus der Wohnung. Ich weinte ein bisschen, nun ist sie bald nicht mehr das einziges Herz, das außerhalb meines Körpers schlägt, dachte ich.

Der Freund fuhr nochmal los um Snacks und Saft zu kaufen und ich war etwas allein mit mir und dem Minimann. Ich sprach nochmal mit ihm und erklärte, das es nun Zeit sei.

Gegen Mitternacht gingen wir nochmal schlafen, nachdem unsere Hebamme nach dem rechten geschaut hatte. Noch war nicht klar, ob das eine Geburt wird. Im Hintergrund prasselte der Regen und es donnerte und blitzte und kühlte sich ab. Ich schlief bis drei und wurde von heftigen Wehen geweckt und ließ den weltbesten Mann noch ein Stündchen schlafen, während ich im Wohnzimmer atmete und langsam anfing zu tönen.

Um vier kam unsere Hebamme dazu und uns allen ging es wunderbar. Meine Gedanken galten dem Atmen und unserem Kind. Jeder Schmerz brachte mich diesem kleinen Mann näher.

Währenddessen lief Musik, brannten Kerzen, versorgte mich der Freund mit Traubenschorle und Kirschkernkissen. Ich konnte mich frei bewegen, war an keine Geräte angeschlossen, atmete vertraute Gerüche und hatte die Menschen um mich, die ich brauchte: Den ziemlich entspannten Baldzweitpapa und unsere Hebamme, die den klaren Kopf behielt. Der war dann auch kurz vor Ende nötig, da ich mich nicht traute den letzten Schmerz zuzulassen. Die erste Geburt hinterlässt dann doch Spuren und egal wie entspannt so eine Geburt abläuft: Es tut dann dennoch etwas weh. So wurde kurz vor knapp die Feuerwehr gerufen, da die Herztöne auffällig wurden. Dieses Kind wollte jetzt geboren werden, doch ich war noch nicht bereit. Zu keinem Zeitpunkt herrschte Gefahr für einen von uns Beiden. Nur zuhause muss natürlich schneller gehandelt werden und so geschah es dann auch. Doch dieser Anruf bei der Feuerwehr reichte aus und ich sammelte nochmal alles was ich hatte und ließ ihn zu, den Schmerz.

Und so wurde unser großer Mann, unser Sohn mit 57 cm und 4440 Gramm um 6.50 Uhr geboren. Ich hob ihn mit den Worten „Du siehst ja aus wie deine Schwester“ hoch. Atmen. Schluchzen. Glück. Liebe. Erleichterung.

Noch im Freudentaumel hörten wir die Sirenen des RTW. Die freundlichen Männer gratulierten uns dann noch und fuhren wieder ab als die Plazenta geboren war. Als die Nabelschnur auspulsiert hatte, nabelte ich unseren Sohn ab. Und wir kamen in Ruhe in unserem großen Familienbett an. Und dann frühstückten wir zu viert und ich aß mein lang ersehntes Brötchen mit Räucherlachs.
Dieses unmögliche Kind (laut Ärztin) kam dann also nach einer Gewitternacht (noch am Tag zuvor wünschte ich mir nach den heißen Tagen dieses Gewitter für unsere Geburt) recht schnell und recht unspektakulär bei uns im Schlafzimmer vor dem Bett auf diese Welt.
Ich kann mich an keinen Moment der Angst erinnern. Selbst als der RTW unterwegs war, vertraute ich uns und unserer Hebamme. Sie sind so wichtig, diese guten Hebammen.
Es gibt viele Geburtsberichte im Netz, wenige sind schön. Viele erzählen schlimme Geschichten von Interventionen, von Übergriffen auf die Frauen, von Traumata. Auch im Freudes- und Bekanntenkreis gibt es kaum positive Geburtserfahrungen. Und es ist so wichtig diesen schlimmen Erfahrungen zuzuhören und mit zu weinen und Halt zu geben. Wenn nötig immer und immer wieder.

Dennoch: Finde ich es wichtig auch zu zeigen, wie Geburt sein kann, wenn man sie denn lässt.
Nur so kommen wir vielleicht irgendwann wieder dazu unseren Körpern, den Frauen und Familien zu vertrauen und ihnen zuzugestehen ihre Kinder selbstbestimmt auf die Welt zu bringen, Geburt als einen natürlichen Vorgang zu sehen, der Schutz, Ruhe, Vertrauen, Liebe und Geborgenheit benötigt.
Für uns war diese völlig selbstbestimmte und freie Geburt in unserem Zuhause die Erfahrung, die uns mit Kraft und Selbstvertrauen in diese zweite Elternschaft starten ließ.
Der größte Dank gilt einfach unserer Hebamme. Die uns stärkte, uns vertraute, einfach da war und so unfassbar wichtige Arbeit leistet. ❤
Einen riesen Dank an meine Mama für die Unterstützung, fürs Vertrauen in mich (trotz ihrer mütterlichen Angst) und für die viele viele Hilfe jetzt und immer. ❤
Und ein Danke an unsere Freunde und ihre Familien fürs Plan B und C sein, für eure guten Gedanken und euer Kochen und Backen im Wochenbett.  ❤
Ein Danke, voller Bewunderung, an unser großes Kind, unser Mädchen, das eine so tolle große Schwester ist. Das so plötzlich noch größer wurde und mit allen Veränderungen der letzten Wochen so unglaublich souverän und gewohnt lässig umgeht. Du bist einfach unglaublich toll!
Und: DU, du Wahnsinnskerl. Ich danke dir für mittlerweile 11 Jahre. Ich danke dir für unsere Kinder. Ich danke dir, für dein Vertrauen in all meine verrückten Ideen. Ich danke dir für dein Da-sein. Es reicht kein Herz aus, um zu sagen, wie sehr ich dich liebe.

4 Gedanken zu “Geburt zuhause. 

  1. Ela schreibt:

    Danke für diesen schönen Bericht. Ich hatte sie auch, diese Angst den letzten Schmerz zuzulassen. Allerdings war ich da im Krankenhaus und die dortige Hebamme und anwesende Ärztin wusste nicht dass ich diese Angst aufgrund meiner Kindheit hatte. Also wurde ein Dammschnitt gemacht und der kleine Mann kam raus. Mein zweites und mein drittes Kind kamen dann jeweils tu Hause. Meine liebe Hebamme, die mich bei beiden Geburten liebevoll begleitete, wusste um diese Loslassängste und gab mir zur richtigen Zeit die richtigen Signale , sodass die beiden Hausgeburten problemlos abliefern und ich auch beide Male nur minimale Verletzungen davontrug. Ich wünsche mir, dass es ganz normal wird, sein Kind zu Hause zu gebären und ich denke dass jeder positive Bericht dazu beiträgt.
    Danke auch für diesen tollen Blog.
    LG Ela

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    • melanierehclem schreibt:

      Liebe Ela, vielen dank für deinen lieben Kommentar. Und ja, wie recht du hast: Es wäre so schön, wenn solche Geburten, wie wir sie erleben dürften, irgendwann Normalität sind. Alles Gute für dich!

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